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Eine Anleitung zur Meditation auf die vier Brahmavihāra

Dieser Artikel ist eine Anleitung zu den klassischen Meditationen auf die vier Brahmavihāra: Freundschaftlichkeit oder Herzensgüte (Mettā), Mitgefühl (Karuṇā), Mitfreude (Muditā) und Gelassenheit (Upekkhā). Wenn du diesen Artikel gelesen hast, weißt du um den Nutzen dieser Meditationen und kannst selbständig meditieren.

Inhalt

  • Einleitung
  • Praxis
    • Freundschaftlichkeit (Mettā)
    • Mitgefühl (Karuṇā)
    • Mitfreude (Muditā)
    • Gelassenheit (Upekkhā)
  • Statisches und dynamisches Training
  • Vielfältigkeit in der Brahmavihārapraxis
  • Ein paar Worte zum Mitgefühl mit sich selbst
  • Schlusswort
  • Quellenverzeichnis

Einleitung

Die vier Brahmavihāra sind auf deutsch als Die vier himmlischen Verweilstätten oder Die vier Unermesslichen bekannt. Man ruft diese vier sozialen Emotionen hervor und stellt sich dann vor, sie in alle Richtungen abzustrahlen, so dass die Meditierende das Zentrum eines grenzenlosen Feld der jeweiligen Emotion wird. Diese Grenzenlosigkeit ist vermutlich der Ursprung des Namens „Brahmavihāra“, was wortwörtlich übersetzt soviel heißt wie „Verweilstätte der Brahma“. Im Volksglauben des alten Indiens, wohnten die Brahmā-Götter in ihren himmlischen Wohnstätten und durchdrangen ihre Welten unterschiedlich stark. Genauso soll der Meditierende die Welt mit tugendhaften sozialen Emotionen durchdringen (Anālayo 2015, S. 23).

Regelmäßiges Üben dieser Meditation kann dabei helfen, Depression, Angst und ähnliche affektive Störungen zu lindern und einer negativen Persönlichkeit entgegen zu wirken, vergleiche z.B. Hofmann et al (2011) oder Galante et al (2014). Je unglücklicher, emotional instabiler und grantiger du als Person bist, desto mehr kannst du von dieser Praxis profitieren. Das aus dem frühen Buddhismus überlieferte Mettānisamsa Sutta zählt die folgenden 11 Nutzen für jemanden auf, der auf Freundschaftlichkeit meditiert.

„Man schläft unbeschwert ein, wacht unbeschwert auf, hat keine Albträume. Man wird gemocht von menschlichen und nicht-menschlichen Wesen. Die Devas beschützen einen. Weder Feuer, noch Gift oder Waffen können einem etwas anhaben. Der Geist kann sich leicht konzentrieren. Man sieht heiter aus. Man stirbt ohne Verwirrung und – sofern man nicht weiter vordringt – gelangt in die Brahmawelten.“

(AN 11.16, eigene Übersetzung der englischen Übersetzung von Thanissaro Bhikkhu (2013))

Da Freundschaftlichkeit die Basis für Mitgefühl und Mitfreude bildet, kann davon ausgegangen werden, dass die Punkte dieser Liste auch für das Üben dieser anderen zwei Brahmavihāra gültig sind. Die Devas und Brahmawelten sind Teil alten indischen Volksglaubens und können vom rationalen Leser guten Gewissens ignoriert werden.

Freundschaftlichkeit, Mitgefühl und Mitfreude sind von Natur aus angenehm und, anders als andere angenehme Erlebnisse, bieten sie eine Quelle der Freude, die ohne einen Haken daherkommt. Sie sind durch und durch hilfreich und können aufgrund ihrer Natur nicht ins Negative umschlagen und Leid verursachen. Das einzige Brahmavihāra, das nicht unmittelbar angenehm ist, ist Gelassenheit. Aber, wie sich herausstellen wird, hält Gelassenheit Leid fern und ermöglicht es den anderen drei Brahmavihāra sich ungehindert zu entfalten, selbst in der Gegenwart von Schmerz.

Gibt es Menschen, die diese Art von Meditation besser nicht üben sollten? Nein. Jeder kann von dem Abstrahlen der vier Unermesslichen profitieren. Es gibt allerdings ein paar Dinge, auf die man aufpassen sollte. Auf diese gehe ich dann in den entsprechenden Abschnitten ein, die die einzelnen Brahmavihāra behandeln. Auch ist es hilfreich, wenn man schon Erfahrungen mit Meditation gesammelt hat. Es ist nicht notwenig, aber macht manches einfacher. Zum Beispiel ist man kein schlechter Mensch oder schlecht in Meditation, wenn man eine Emotion nur für wenige Sekunden halten kann, bevor man an etwas anderes denkt. Das ist ganz normal, insbesondere am Anfang, ganz egal was für eine Meditation man übt und es kann ein richtiges Gedanken und Gefühlschaos sein. Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man noch keine Meditationserfahrung hat. Wenn man abgelenkt wird, wird man sich einfach kurz bewusst, was da gerade passiert ist, lässt los, was einen abgelenkt hat und kehrt wieder zum Meditationsobjekt zurück.

Praxis

Alle vier Brahmavihāra werden auf die gleiche Art und Weise geübt.

Als erstes ruft man die Emotion hervor. Unter Emotion verstehe ich ein bestimmtes mentales Programm, bestehend aus Gedanken- und Gefühlsmustern. Es gibt verschiedene Kognitionen/Gedanken, die zu einer Emotion dazugehören und helfen können, diese hervorzurufen. Dann hat jede Emotion ein unverwechselbares Gefühlserleben, das diese bestimmte Emotion ausmacht und das, während dieser Meditation, so lang und oft wie möglich (am besten konstant) präsent sein sollte. Wie genau man das macht, kommt auf das jeweilige Brahmavihāra an und wird in den folgenden Abschnitten genauer beschrieben.

Sobald die Emotion präsent ist, stellt man sich vor, dieses Gefühlserleben in alle Richtungen abzustrahlen. Das kann man auf verschiedene Arten tun: Man kann sich z.B. vorstellen, wie das Gefühl den ganzen Körper einnimmt und dann, über diesen hinaus, in die unmittelbare Umgebung wächst, immer größer, die Stadt einnehmend, das Land, den Kontinent, den Planeten, das Sonnensystem, die Galaxie und schließlich das gesamte Universum. Oder man stellt sich vor, wie man es zunächst nach vorn abstrahlt, dann nach links, nach rechts, oben, unten und schließlich in alle Richtungen gleichzeitig. Man kann sich auch sphärische Wellenfronten um einen herum vorstellen, wie die Wellen auf einer Wasseroberfläche um den Punkte herum, an dem etwas hineingefallen ist. Etwa so wie auf dem Bild, das diesen Artikel ziert, nur dreidimensional. Man kann das auch mit dem Atem verknüpfen und sich vorstellen, wie man beim Einatmen einen Wellenkamm und beim Ausatmen ein Wellental generiert.

Das Ziel ist es, für die Dauer der Meditation, das Gefühl zu haben, sich im Zentrum eines globalen/unendlichen/grenzenlosen Feld dieses Brahmavihāras zu befinden, oder sogar zu diesem Feld zu werden, in all seiner Grenzenlosigkeit.

Freundschaftlichkeit (Mettā)

Auf Freundschaftlichkeit, auch bekannt als Liebende Güte oder Herzensgüte, zu meditieren bildet die Basis für die folgenden zwei Brahmavihāra. Es ist die Erfahrung purer, bedingungsloser Freundschaftlichkeit – das Gegenteil von Hass. Dieses Brahmavihāra zu üben, hilft einem Negativität hinter sich zu lassen. Bereits nach wenigen Minuten Meditation fühlt man sich seinen Mitmenschen gegenüber schon viel positiver eingestellt.

Das Üben von Mettā wird im Karaṇīyamettā Sutta genauer beschrieben. Dies ist meine Übersetzung verschiedener englischer Übersetzungen des Suttas. Stellenweise zog ich den Pali-Text für Wortbedeutungen hinzu oder habe etwas freier übersetzt, wo es dem Verständnis dienlich schien.

Er der weiß, was gut und richtig ist, und der wahren Frieden sucht, der soll tun wie folgt: Er soll fähig und aufrecht sein, umgänglich, sanft und bescheiden. Er soll mit wenig zufrieden sein können, ungebunden, ein einfaches Leben führend, die Sinne beruhigt, bedacht und höflich, ohne familiäre Bindung. Er begehe nicht die geringste Tat für die der Weise ihn tadeln würde.

Er denke: „Mögen alle Wesen glücklich und sicher sein, möge es ihnen gut gehen. Was auch immer das für Wesen sind: Ob schwach oder stark, kurz oder lang, klein oder groß, schmal oder breit, ob sichtbar oder unsichtbar, weit oder fern, geboren oder noch ungeboren – Möge es allen Wesen gut gehen.“

Er täusche seinen Nächsten nicht oder verachte ihn; er wünsche keinem anderen ein Leid, nicht aus Wut und nicht aus Feindseligkeit.

So wie eine Mutter ihr einziges Kind mit ihrem Leben schützt, so trage er die ganze Welt in seinem Herzen. Seine Liebe sei grenzenlos und allgegenwärtig; sie sei oben, unten und ringsherum; ungehindert, keinen Hass und keine Feinde kennend.

Und ob er steht oder geht, sitzt oder liegt, er sei unermüdlich und behalte all dies stets im Geist; man nennt es das himmlische Verweilen.

Und klammert er sich nicht an alte Ansichten, überwindet tugendhaft und klaren Geistes alles Sinnesbegehren, dann wird er nicht wieder in diese Welt geboren werden.

(Sn 1.8, eigene Übersetzung, basierend auf den englischsprachigen Übersetzungen von Thanissaro (2013), Ñanamoli (2012), dem Amaravati Sangha (2013), Buddharakkhita (2012) und Piyadassi (2012))

Du kannst solche Freundschaftlichkeit hervorrufen, indem du z.B. an einen guten Freund denkst und den Wunsch spürst, dass dieser Freund glücklich sein möge. Wähle dafür aber keine Person aus, in die du verliebt bist, da dadurch das Gefühl von Freundschaftlichkeit durch Verlangen, Klammern, sexuelle oder romantische Gefühle, verunreinigt wird. Auch wähle keine schwierige Person oder jemanden der dich verletzt hat, weil es dadurch schwieriger wird, freundschaftliche Gefühle aufkommen zu lassen. Am besten wählst du eine Person, die du einfach so gern hast, mit der du keine komplizierte Vergangenheit hast und mit der du dir keine romantische oder sexuelle Beziehung ersehnst. Mach es dir nicht unnötig schwer. Achte auch darauf, dass deine Freundschaftlichkeit nicht etwa darauf beruht, dass dir die Person einen Gefallen getan hat, oder dich beschenkt hat, denn Mettā ist bedingungslos. Falls dir keine Person einfällt, ist es auch okay, sich ein Idealbild vorzustellen, wie z.B. an die bedingungslose Liebe einer Mutter für ihr Kind zu denken.

Falls du Menschen ganz allgemein nicht magst: wie schaut es mit Tieren aus? Auch Tiere können leiden oder glücklich sein. Vielleicht hast du ein Haustier von dem du dir wünschst, dass es ihm gut geht. Eine weitere Möglichkeit Freundschaftlichkeit aufzubringen besteht darin, in seinen inneren Sinn für das Wohl anderer hineinzufühlen, ganz unabhängig davon, wer diese anderen denn sein mögen. Im Extremfall kann es auch helfen sich zu fragen: „Wie würde sich Freundschaftlichkeit anfühlen, wenn ich, aus welchen Gründen auch immer, nicht alles und jeden hassen würde?“ Es kann schon sein, dass das Gefühl nur für den Bruchteil einer Sekunde aufkommt, bevor ein besonders negativer Geist es wieder zunichte macht, aber das reicht völlig aus. Wenn der Geist sich dann irgendwelche Argumente einfallen lässt, warum alle anderen scheiße sind, dann frag dich: „Wie wäre es, wenn das nicht so wäre?“ und schon hast du einen weiteren Moment Mettā, mit dem du arbeiten kannst.

Sobald dieser Wunsch, dass andere glücklich sein mögen, dass es ihnen gut gehen möge, in deinem Geist präsent ist, ob mit deinen eigenen Worten verbalisiert, oder ganz ohne Worte, aber zusammen mit dem Gefühl von bedingungsloser Freundschaftlichkeit, Freundlichkeit und Güte, stell dir vor, wie du ihn von deiner Position in Zeit und Raum in alle Richtungen abstrahlst.

Mitgefühl (Karuṇā)

Dies ist ein Spezialfall von Freundschaftlichkeit, dem der Wunsch zugrunde liegt, dass das Leid anderer enden möge und damit ist es das Gegenteil von Grausamkeit. Wo Mettā sich auf alle Wesen bezieht, sowohl leidend, als auch glücklich, richtet sich Karuṇā speziell an die leidenden.

Mitgefühl ist altruistisch. Wenn ein Freund von dir Schmerzen hat oder krank ist und du ihm wünscht, dass es ihm besser geht, seinetwegen, dann ist das Mitgefühl. Wünscht du ihm aber nur, dass es ihm besser geht, da du am Wochenende mit ihm Zelten gehen möchtest, dann ist das egoistisches Verlangen, nicht Mitgefühl.

Mitgefühl ist positiv. Wenn man Menschen in den Nachrichten leiden sieht und sich schlecht fühlt, dann ist das Mitleid, nicht Mitgefühl im Sinne von Karuṇā. Das muss unterschieden werden: Sich wünschen, dass das Leid anderer endet ist Karuṇā, aber selbst aufgrund von Empathie mitleiden nicht. Man könnte sagen, dass Karuṇā sich auf die Abwesenheit von Leid konzentriert, statt auf das Leid selbst. Hier ist ein subtileres Beispiel: Eine Freundin von dir ist krank und du wünscht ihr, dass sie stark sein möge und die Krankheit siegreich bekämpft. Das ist Mitgefühl für deine Freundin, aber gleichzeitig enthält es einen Wunsch zu kämpfen. Kämpfen bedeutet Aversion und Anstrengung. Das ist nicht positiv und es ist eigentlich auch gar nicht, was du dieser Freundin wünschst. Was wenn sie gar nicht kämpfen bräuchte und dennoch gesund werden würde; wäre das nicht vorzuziehen? Du willst, dass es ihr gut geht, dass sie gesund ist – und genau das ist Karuṇā; nicht mehr und nicht weniger.

Man kann Mitgefühl generieren, indem man an Freunde denkt, denen es gerade nicht gut geht und sich wünscht, dass sich das zum Positiven verändert. Oder man kann an den gegenwärtigen, leidvollen Zustand der Welt denken und den Wunsch, das es all den leidenden Wesen überall gut gehen möge. Konzentriere dich nicht auf ihr Leid, sondern auf den Wunsch, dass es ihnen besser gehen möge, dass die Welt heilen möge.

Wenn du das charakteristische Gefühl von Karuṇā hervorgerufen hast, lass es wachsen und stell dir vor, es in das ganze Universum abzustrahlen, genau wie die anderen Brahmavihāra.

Mitfreude (Muditā)

Mitfreude bedeutet an der Freude anderer teilzuhaben und es ist das Gegenteil von Neid. Genau wie Karuṇā sich auf leidende Wesen bezieht, richtet sich Muditā an jene, denen es gut geht. Es bedeutet, sich mit jemandem zu freuen, der einem eine Geschichte über etwas erzählt, was ihn glücklich macht, selbst wenn einen die Geschichte selbst langweilt. Es bedeutet glücklich zu sein, wenn die Menschen um einen herum glücklich sind, unabhängig davon, ob man selbst bekommt, was man will. Wenn deine Nachbarn in der Lotterie gewinnen, erlaubt Muditā dir, sich für sie zu freuen, statt ihnen ihr Vermögen zu neiden. Wenn dein Partner oder Partnerin sich mit seiner/ihrer Ex auf ein Abendessen treffen möchte, ist Muditā glücklich für ihr Wiedersehen und wirkt der Emotion von Eifersucht entgegen. In Situationen, wo es nur einen Gewinner geben kann, freut sich Muditā auch dann für andere, wenn es bedeutet, dass man selbst verliert.

Um Mitfreude hervorzurufen, denk an einen Freund oder eine Freundin, der/die gerade glücklich sein könnte. Stell dir sein/ihr Lachen oder Lächeln vor und fühle deine Reaktion dazu. Es gibt viele Menschen auf der Welt, die gerade glücklich sind, viele Wesen im Universum, denen es gerade gut geht. Nimm Teil an ihrer Fröhlichkeit. Wenn das Gefühl von Muditā anwesend ist, strahle es in alle Richtungen ab.

Gelassenheit (Upekkhā)

Gelassenheit ist unerschütterliche Ausgeglichenheit. Es ist die Ruhe in deinen Taten, die Stille in deinen Worten und der Frieden, wenn du streitest. Es ist der Fels in der Brandung und des Geistes emotionaler Airbag. Wenn du gelobt wirst, schützt Upekkhā dich davor, dem Stolz zu verfallen und wenn du getadelt wirst, bewahrt Upekkhā dich vor Wut und Traurigkeit. Wenn du aus Mitgefühl handelst, aber deine Hilfe nicht angenommen wird, wenn du angegriffen wirst, wenn man sich über dich lustig macht oder dich provoziert, erlaubt dir Upekkhā deinen Frieden zu wahren.

Wenn du irgendeine Form der Achtsamkeitsmeditation praktizierst, dann ist dir Gelassenheit bereits bekannt. Es ist das, was anwesend ist, wenn du Phänomenen zusiehst, wie sie im Bewusstsein kommen und gehen; und das, was den Geist davon abhält, sich Freude oder Schmerz hinzugeben. Es ist die Ruhe, die nicht gestört werden kann, die Unerschütterlichkeit in der Achtsamkeit.

Man könnte das Gefühl von Gelassenheit aufkommen lassen, indem man an schwierige soziale Situationen denkt, aber dadurch könnte man auch das Gegenteil erreichen und aufgewühlt werden, daher ist es vielleicht nicht der beste Weg. Man kann sich vorstellen, eine massive Eiche, oder ein anderer Baum zu sein: Flexibel genug um bei einem Sturm nicht zu zerbrechen und dennoch unnachgiebig – eine Manifestation des Gelassenheites. Die Eiche bleibt gleichmütig, ob es regnet, oder die Sonne scheint, ob es Tag oder Nacht ist, ob der Himmel klar oder bewölkt ist. Man könnte meinen es sei eine etwas extreme Metapher, zu sagen, dass die Eiche auch dann gleichmütig bleibe, wenn sie angezündet oder abgesägt werde, aber das ist exakt, was der Buddha anscheinend unterrichtet hat – nur ohne die Metapher. Es folgt ein Auszug aus dem Kakacūpama Sutta; das sogenannte „Sägengleichnis“.

„Mönche, selbst wenn Räuber euch mit einer Zweimannsäge Glied für Glied brutal zerstückeln, so missfolgt jener unter euch meiner Anweisung, der sein Herz erzürnen lässt. Denn selbst dann sollt ihr üben: ‚Unser Geist bleibt unberührt und wir werden keine bösen Worte sprechen. Wir werden mitfühlend bleiben, mit einem wohlwollenden Geist und ohne Hass. Wir werden diese Menschen weiterhin mit einer wohlwollenden Bewusstheit durchdringen und mit ihnen als Anfang werden wir weiterhin die gesamte Welt mit wohlwollender Bewusstheit durchdringen – kraftvoll, weit, unermesslich, frei von Feindseligkeit, frei von böser Absicht.‘ So sollt ihr üben.“

„Mönche, wenn ihr diese Mahnung des Sägengleichnisses ständig im Geist behaltet, gibt es dann irgendeinen Aspekt der Sprache, gering oder grob, den ihr nicht ertragen könntet?“

(MN 21, eigene Übersetzung der englischen Übersetzung von Thanissaro Bhikkhu (2013))

Wie soll man das schaffen? Hier kreuzen sich die Brahmavihāra wieder mit anderen Meditationen und Kontemplationen. Wenn man ausreichend geübt darin ist, die Vergänglichkeit aller Phänomene zu erkennen, dann wird man ihnen gegenüber Gelassenheit empfinden. Es folgt ein Auszug aus dem Mahāhatthipadopama Sutta, der das Sägengleichnis in einem größerem Zusammenhang darstellt.

„Wenn also andere Leute einen Mönch, der das erkannt hat, beleidigen, verleumden, belästigen und in zur Verzweiflung bringen, bemerkt er ‚Ein schmerzhaftes Gefühl, geboren aus Ohr-Kontakt, ist in mir aufgekommen und es ist abhängig, nicht unabhängig. Abhängig von was? Abhängig von Kontakt.‘ Und er sieht, dass Kontakt vergänglich ist, Gefühl vergänglich ist, Wahrnehmung vergänglich ist, Bewusstsein vergänglich ist. Sein Geist, mit dem Erd-Element als Unterstützung, springt auf, wird selbstbewusst, unerschütterlich und frei.“

„Und wenn andere Leute einen Mönch auf andere unerwünschte und unangenehme Art angreifen – durch Kontakt mit Fäusten, Kontakt mit Steinen, Kontakt mit Stöcken, Kontakt mit Messern – erkennt er: ‚Es liegt in der Natur dieses Körpers, dass er in Kontakt mit Fäusten, Steinen, Stöcken und Messern kommen kann. Wie der Buddha es in seinem Sägengleichnis kundgetan hat: „Mönche, selbst wenn Räuber euch mit einer Zweimannsäge Glied für Glied brutal zerstückeln, so missfolgt jener unter euch meiner Anweisung, der sein Herz erzürnen lässt.“, so soll meine Ausdauer geweckt werden und unermüdlich sein, meine Achtsamkeit aufrecht und unbeirrt, mein Körper ruhig und gelassen, mein Geist gesammelt und vereint. Und nun möge Kontakt mit Fäusten, Steinen, Stöcken, Messern über diesen Körper kommen, denn so wird des Buddhas Weisung genügegetan.'“

(MN 28, eigene Übersetzung der englischen Übersetzung von Thanissaro Bhikkhu (2013)

Der beste Weg um wahren Gelassenheit aufkommen zu lassen, ist also andere Arten der Meditation zu üben, in denen man übt zu erkennen, was in Körper und Geist vor sich geht.

Worauf es zu achten gilt, ist Gelassenheit (Upekkhā) nicht mit Gleichgültigkeit oder Unwissenheit zu verwechseln. Unwissenheit wäre einfach nicht zu wissen, was passiert, aber Gelassenheit existiert ganz wunderbar zusammen mit Erkenntnis und Bewusstheit. Gleichgültigkeit ist, wenn man zwar weiß, was geschieht, es einem aber einfach egal ist. Es scheint allerdings unmöglich, dass jemand, der auf Freundschaftlichkeit, Mitgefühl und Mitfreude meditiert, anderen Wesen gegenüber Gleichgültigkeit empfinden könnte. Gelassenheit ist eine weise Reaktion in Fällen, in denen die möglichen Reaktionen allesamt negative Geisteszustände sind. Wenn wir zum Beispiel schikaniert werden, hat die Evolution uns dafür mit einer Auswahl an Reaktionsmöglichkeiten bestückt. Wir könnten wütend werden, furchtsam oder traurig, aber wir können uns unmöglich darüber freuen, schikaniert zu werden. In diesen Situationen ist Gelassenheit die Reaktion der Wahl, denn sie fängt uns auf wie ein Airbag und macht den Weg frei für die anderen drei Brahmavihāra.

Statisches und dynamisches Training

Es gibt zwei Arten das Meditieren auf das Abstrahlen der Vier Unermesslichen zu strukturieren. Ich nenne sie statisch und dynamisch.

  • Statisch. Generiere Mettā, strahle es für eine Weile ab, dann mach das gleiche mit Karuṇā, Muditā und schließlich mit Upekkhā; und dann fange wieder vorne an.
  • Dynamisch. Denke nacheinander an verschiedene Menschen, Tiere oder imaginäre Freunde, beliebige Wesen mit denen du eine Beziehung pflegst. Während du dir ihr Gesicht vorstellst, oder dich an Interaktionen mit ihnen erinnerst, wird ein Gefühl aufkommen. Wenn das Gefühl schmerzhaft ist, meditiere auf Gelassenheit, ist es angenehm oder neutral, frage dich, wie es dem Wesen wohl geht. Wenn du glaubst, dass es ihm gut geht, meditiere auf Mitfreude, wenn es ihm schlecht geht, meditiere auf Mitgefühl, ansonsten, oder wenn du dir nicht sicher bist, meditiere auf Freundschaftlichkeit. Stell dir vor, wie das jeweilige Brahmavihāra diese Interaktion und/oder Beziehung durchdringen und dann wie du es in alle Richtungen abstrahlst und das gesamte Universum damit durchdringst.

Unabhängig davon, ob du statisch oder dynamisch übst, werde dir bewusst, ob ein bestimmtes Brahmavihāra mit dir resoniert. Mit „resonieren“ meine ich, dass dein Erleben davon irgendwie besonders ist, als ob es genau das ist, was du gerade brauchst. Wenn das passiert, bleibe ruhig ein wenig länger bei diesem Brahmavihāra als normal.

Vielfältigkeit in der Brahmavihārapraxis

Wer meinen Unterricht kennt, weiß, dass ich die meisten buddhistischen Aufzählungen als bloße Beispiele ansehe, inklusive solche, von denen andere der Meinung sind, sie seien vollständig. Die Brahmavihāra sind ja schon ganz nett wie sie sind, aber vielleicht gibt es ja dennoch Raum für Verbesserung.

Könnte es mehr Brahmavihāra geben? Da wäre z.B. Vergebung. Es ist zwar kein Brahmavihāra, aber eine gesunde soziale Emotion, die gut zu unserer Praxis passen würde. Wenn wir verletzt wurden, weil unser Gelassenheit nicht stark genug war, dann kann es Vergebung leichter machen zu einem Gefühl von Freundschaftlichkeit zurückzukehren. Dann gibt es Dankbarkeit nicht zu verwechseln mit Schuld. Dankbarkeit ist auch positiv und stimmungshebend und eine weitere tugendhafte Möglichkeit glücklich zu sein. Und es gibt Bescheidenheit, nicht zu verwechseln mit Unterwerfung. Bescheidenheit schützt einen vor Stolz und Selbstverliebtheit und erleichtert dadurch andere Arten von Meditation. Schließlich fällt mir Großzügigkeit ein, als eine weitere tugendhafte Emotion, auf die man meditieren könnte. Man sollte sich nur darüber im Klaren sein, dass Großzügigkeit nicht bedeutet mehr zu geben, als man sich erlauben kann.

Dies sind nur die, die mir gerade einfallen; es könnte mehr geben. Probiere sie doch mal aus: Lass das Gefühl einer dieser Emotionen aufkommen und stell dir vor, es in alle Richtungen abzustrahlen. Wenn du es als hilfreich empfindest, nimm es in deine reguläre Praxis mit auf. Experimentiere!

Könnte es weniger Brahmavihāra geben? Wäre es möglich, die Brahmavihārapraxis zu komprimieren? Wenn man buddhistische Meditation übt, ob nun Samatha, Vipassanā oder kombinierte Techniken, dann übt man bereits Upekkhā. Wenn man dem dann nur Mettā hinzufügt, dann deckt das einen großen Teil der Brahmavihāra ab, denn Karuṇā ist eine freundliche und positive Emotion gegenüber leidenden Wesen und Muditā eine freundliche und positive Emotion gegenüber glücklichen Wesen. In beiden Fällen besteht also deutliche Überschneidung mit Mettā. Natürlich sind sie nicht exakt gleich und daher scheint es empfehlenswert dennoch nicht auf sie zu verzichten.

Buddhisten kennen eine Reihe von Brahmavihāra-verwandten Ritualen und Praktiken. Da wäre z.B. das Übertragen von Verdiensten (English: merit, Pali: puñña) an andere. Verdienste sind eine Art spirituelle Währung von der geglaubt wird, dass sie durch großzügige oder tugendhafte Taten, sowie durch Meditation generiert wird und dass sie positive Auswirkungen für die Menschen hat, die sie besitzen. Verdienste an einen anderen zu übertragen ist ein Ausdruck von Freundschaftlichkeit, Mitgefühl, Mitfreude und Gelassenheit, so wie auch Großzügigkeit. In manchen Traditionen werden die, durch das Meditieren erzeugt geglaubten, Verdienste nach der Meditationsitzung der Erleuchtung aller Wesen gewidmet. Das ist praktisch ein kleines Brahmavihāra-Ritual zum Abschluss einer Meditationssitzung. Im tibetischen Buddhismus gibt es eine Praxis, die sich Tonglen nennt. Dabei stellt man sich vor, das Leid anderer Wesen einzuatmen, als solches anzuerkennen und dann Positivität und Glück für alle Wesen auszuatmen. Die Krönung Brahmavihāra-verwandter Praktiken dürfte das Bodhisattvagelübde des Mahāyānabuddhismus sein. Die praktizierende Person gelobt für die Befreiung aller Wesen aus dem Kreislauf der Wiedergeburten (Saṃsāra) zu arbeiten, bevor sie selbst nicht mehr wiedergeboren wird. Das ist ein großer Unterschied zum frühen Buddhismus und heutigem Theravādabuddhismus, wo man hauptsächlich mit der eigenen Befreiung beschäftigt ist. Für den rationalen Meditierenden, der sich nicht mit Dingen wie Wiedergeburt oder Verdiensten belastet, ist das Ziel der eigenen Befreiung von persönlichem Leid und das Ziel anderen zu helfen, durchaus vereinbar. Denn je mehr man über die Natur des Leides und der Freiheit vom Leid erkannt hat, desto leichter fällt es, andere zu unterrichten.

Wenn man sich Brahmavihāra-verwandte Rituale und Praktiken von einem rationalen und pragmatischen Standpunkt ansieht, dann wird aus der Übertragung von Verdiensten ein kurzes Anregen von hilfreichen sozialen Emotionen und das Bodhisattvagelübde fügt der Praxis ganz allgemein eine Mitgefühlskomponente hinzu. Was wenn wir nicht gerade zu den Leuten gehören, die gern religiöse Rituale abhalten, besteht dennoch eine Möglichkeit ein klein wenig Brahmavihārapraxis in unsere reguläre Meditation mit einzubinden, ohne sie dediziert zu trainieren? Ja, absolut. Man kann Samatha, Vipassanā und Brahmavihāra in einer einzigen Meditation unterbringen, aber das ist ein Thema, das seinen eigenen Artikel verdient hat. Ich werde den Artikel an dieser Stelle verlinken sobald er fertig ist.

Ein paar Worte zum Mitgefühl mit sich selbst

Man selbst ist natürlich in dem Feld, das man sich bei der Brahmavihārameditation vorstellt auszustrahlen, mit eingeschlossen, aber ich sehe oft die Anweisung explizit Mitgefühl für sich selbst zu entwickeln, manchmal als der erste Schritt einer Übung. Das ist klasse, wenn man es schafft, aber für genau die Menschen, die davon am meisten profitieren würden, kann das unmöglich sein.

Viele Menschen haben das Problem, sich unzulänglich zu fühlen oder sich gar selbst zu hassen. Vielleicht bist du eine solche Person und man hat dir gesagt, dass du „dich selbst lieben“ musst, oder „Mitgefühl mit dir selbst“ haben sollst. Aber wenn du das könntest, dann würdest du dich wohl nicht so fühlen, wie du es tust, oder? Dazu sei das Folgende gesagt: Die Tatsache, dass du Brahmavihārameditation übst, bedeutet, dass du Tugendhaftigkeit trainierst, was dich das genaue Gegenteil einer schlechten Person macht. Obwohl man Brahmavihāra rein aus egoistischen Gründen üben kann, ist die Praxis selbst von Natur aus altruistisch und jeder, der sie übt, ist eine lobenswerte Person. Was auch immer du in der Vergangenheit an schlechten Dingen getan haben magst, hier und jetzt bist du eine andere Person. Was auch immer dein sozialer Status sein mag, dein Vermögen, Ruhm, Freundschaften – nichts davon ist relevant. In dem Augenblick, in dem du Brahmavihāra praktizierst, bist du wahrlich nobel und bewundernswert.

Es gibt etwas, das Selbstmitgefühl ähnlich ist, was aber trotzdem auch für sehr negative Persönlichkeiten funktionieren kann. Man braucht dafür Übung in anderen Meditationstechniken, in denen man Bewusstheit des Geistes und des Geisteszustandes übt. Wenn man sich des leidenden Geistes in all seiner Hilflosigkeit bewusst wird und den Wunsch verspürt, dass es ihm gut gehen möge, dann ist das Mitgefühl. Es ist nicht wirklich Selbstmitgefühl, da man in dem Augenblick der Beobachter des Geistes ist und sich nicht damit identifiziert, aber, wenn man in einem solchen Moment den Geist mit Karuṇā durchdringt, dann entsteht trotzdem eine Gefühlsreaktion der Geborgenheit; man kann wortwörtlich fühlen, wie der Geist heilt.

Schlusswort

Du weißt jetzt, wie man auf die vier Brahmavihāra meditiert, warum man das wollen würde und worauf es zu achten gilt. Ich hoffe, dass du dieses Wissen in die Praxis umsetzt und es dir hilft, Frieden und Freiheit vom Leid zu finden. Falls du ein gutes Buch suchst, dass noch etwas genauer auf die Brahmavihāra eingeht, kann ich das Buch Compassion and emptiness in early Buddhist meditation, von Bhikkhu Anālayo, empfehlen. Ohne seine vorbildliche akademische Arbeit hätte ich diesen Artikel so nicht schreiben können.

Quellenverzeichnis

  • Anālayo (2015). Compassion and emptiness in early Buddhist meditation. Cambridge: Windhorse Publications.
  • Hofmann et al (2011). Loving-kindness and compassion meditation: potential for psychological interventions. Clin. Psychol. Rev. 31(7):1126-32. PubMed
  • Galante et al (2014). Effect of kindness-based meditation on health and well-being: a systematic review and meta-analysis. J. Consult. Clin. Psychol. 82(6):1101-14. PubMed
  • „Metta (Mettanisamsa) Sutta: Good Will“ (AN 11.16) translated by Thanissaro Bhikkhu. Access to Insight (Legacy Edition), 23 July 2013, Link
  • „Karaniya Metta Sutta: Good Will“ (Sn 1.8), translated from the Pali by Thanissaro Bhikkhu. Access to Insight (Legacy Edition), 30 November 2013, Link
  • „Karaniya Metta Sutta: Loving-Kindness“ (Sn 1.8), translated from the Pali by Ñanamoli Thera. Access to Insight (Legacy Edition), 29 August 2012, Link
  • „Karaniya Metta Sutta: The Buddha’s Words on Loving-Kindness“ (Sn 1.8), translated from the Pali by The Amaravati Sangha. Access to Insight (Legacy Edition), 2 November 2013, Link
  • „Karaniya Metta Sutta: The Hymn of Universal Love“ (Sn 1.8), translated from the Pali by Acharya Buddharakkhita. Access to Insight (Legacy Edition), 29 August 2012, Link
  • „Karaniya Metta Sutta: The Discourse on Loving-kindness“ (Sn 1.8), translated from the Pali by Piyadassi Thera. Access to Insight (Legacy Edition), 29 August 2012, Link
  • „Kakacupama Sutta: The Simile of the Saw“ (MN 21) by Thanissaro Bhikkhu. Access to Insight (Legacy Edition), 30 November 2013, Link
  • „Maha-hatthipadopama Sutta: The Great Elephant Footprint Simile“ (MN 28) translated by Thanissaro Bhikkhu. Access to Insight (Legacy Edition), 30 November 2013, Link

TITLE: Eine Anleitung zur Meditation auf die vier Brahmavihāra
DATE: 2017-11-23
AUTHOR: Markus Echterhoff
SOURCE: https://www.dhammatime.de/anleitung-meditation-vier-brahmavihara/
TAGS:
meditation metta